IT als gesellschaftliches Phantasma

Leider habe ich nicht mehr die Zeit wie früher ellenlange Artikel mit dezidiertem theoretischen Hintergrund zu schreiben. Man müsste das Ganze mal psychoanalytisch begründen, aber meine Schnelldiagnose steht fest: diese Gesellschaft ist Gadget Mad und hat einen generell einen irrationalen Dachschaden, wenn es um Hardware geht. Gadget mad heisst, dass man alles supi findet, was von Apple kommt und man drauf rumdrücken kann. Warum man überhaupt auf so Geräten rumdrücken sollte interessiert weniger. Das hätte man mal Leuten aus der Vergangenheit erzählen sollen: die Zukunft im Jahr 2011 sieht so aus, dass überall wo man hinkommt, Leute auf Bildschirme starren. Die eher unlustige dunkle Seite bedeutet Computerschrott ohne Ende zu produzieren und den Kapitalkreislauf munter weiterzutreiben. Wollen wir so leben? Egal, immer weiter.

Ebenso obskur ist mir die andere Seite, mit der ich täglich konfrontiert werde. Es herrschen die komischsten Vorstellungen über Software und was Software darstellt und kann. Betriebswirtschaftlich – d.h. irgendwo doch rational nachvollziehbar – wird da in den wenigsten Fällen gedacht. Die Leute sind getrieben von einer Art Heilsversprechen mit einem Glänzen in den Augen: ich muss es haben und alles wird gut. Software kann danach alles, man drückt nur auf einen Knopf und die Magie geht los. Selbst Leute, die eigentlich schon mit Erfahrungen auf die Nase gefallen sind, lernen nicht daraus. Die putzigste Szene hatte ich mal mit einem Agenturchef (selbst BWLer), der doch allen Ernstes mir gegenüber die Problemdiagnose einer Schnittstellenanbindung abgab: „Es lag daran, dass wir eine Software entwickelt hatten und diese Fehler hatte. Das hatten wir nicht bedacht.“ Ah ja – Software hat Bugs. Eine ganz neuartige Erkenntnis, die man so auch noch nie gehört hatte. Da wäre man ja nie drauf gekommen, dass so etwas bedacht werden muss vor der Entwicklung.

So auch generell die Idee: Software wird diesem Irrglauben nach einmal entwickelt, funktioniert dann fehlerfrei und ist für alle Zeiten lauffähig. Die Realität sieht eher so aus: Software funktioniert nicht fehlerfrei, die User beurteilen Software (ok, ich arbeite im Web-Bereich, das sollte ich vielleicht dazu sagen) in erster Linie über deren GUI (das wäre nochmal eine eigenes Thema, dem ich einige Blogeinträge widmen könnte), dann kommt die nächste Software mit anderem Interface und man entscheidet sich für was anderes. Vermutlich auch deswegen, weil man von einem windigen Vertriebler zugequatscht wurde, der die grandiosen Vorzüge der Superlösung anpreist – und den Hype um Software weitertreibt.

Zugegeben, das sind die Erfahrungen in dem Umfeld, in dem ich mich bewege. In der Entwicklung wurden ja die Unzulänglichkeiten und Problem von Software erkannt und man setzt dort dann etwa auf agile Projektmanagement-Methoden wie Scrum, um einige Probleme abzufangen. Das ändert aber nichts an dem gesellschaftlichen Wahn um die Software.

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